Acht Freunde aus dem Oberwallis, dem Unterwallis und aus Fribourg. Zwei Routen am Eggturm. Eine Nacht im Chalet du Soldat. Und ein Wetterfenster, das gerade gross genug war.

Freitag: Zustieg zum Chalet du Soldat
Unser Klettertrip begann am Freitagnachmittag mit der Fahrt hinauf zum Chli Sattel. Dort verteilten wir Seile, Expressen und das restliche Material auf die Rucksäcke und machten uns auf den Weg zum Chalet du Soldat.
Der Zustieg dauerte mit dem gesamten Kletterzeug ungefähr 60 Minuten. Das Chalet du Soldat liegt auf 1752 Metern direkt unter den Kalkwänden der Gastlosen. Das historische Berghaus bietet Schlafplätze und eine einfache regionale Küche und eignet sich gut als Ausgangspunkt für Touren in diesem Teil der Gastlosen.
Nach dem Zustieg assen wir auf der sonnigen Terrasse. Es war warm, das Abendlicht blieb lange und das Essen war fantastisch. Auch ein grosses Kompliment an das Team der Hütte. Die hatten eine richtig gute Laune und eine Menge Witze parat.

Samstag: Vom Chalet zum Oberbergpass
Am nächsten Morgen starteten wir früh in Richtung Oberbergpass. Die Wetterprognose war eindeutig: Am Nachmittag sollte ein Sturm über die Gastlosen ziehen. Für lange Pausen oder einen späten Einstieg blieb deshalb wenig Zeit.


Der Oberbergpass liegt auf 1824 Metern zwischen der Waldeckspitze und dem Eggturm. Von hier erreicht man die nordseitigen Einstiege am Eggturm. Der Zustieg ist nicht besonders lang, führt aber bereits durch steileres alpines Gelände. Unter der Wand teilten wir uns in zwei Gruppen auf.
Eine Gruppe wählte die Kombination aus Tom Williams und Arête classique. Die zweite Gruppe stieg in die deutlich schwierigere Gourmandise ein.
Tom Williams und Arête classique
Schwierigkeit: 6a
Seillängen: 5
Einzelne Schwierigkeiten: 5c, 6a, 5c, 5a, 4a
Charakter: abwechslungsreiche Kalkkletterei mit luftigem, klassischem Ausstieg
Die Kombination beginnt mit den ersten beiden Seillängen der Tom Williams. Die erste Länge im Grad 5c bietet schöne Kletterei an kompaktem Gastlosen Kalk. Die zweite Länge ist mit 6a etwas anspruchsvoller und verlangt bereits präzisere Bewegungen.
Danach wechselt die Route in den oberen Teil der Arête classique. Über eine weitere Länge im Grad 5c sowie zwei leichtere Seillängen in 5a und 4a führt die Linie bis auf den Eggturm.

Der obere Teil ist deutlich stärker abgegriffen als die beiden Seillängen der Tom Williams. Trotzdem bleibt die Kletterei lohnend. Die Route wird nach oben zunehmend luftig und öffnet den Blick über beide Seiten der Gastlosen. Sie verbindet gut abgesicherte, moderne Kletterei im unteren Teil mit dem alpinen Charakter der klassischen Gratroute.
Ganz oben wird der Grat schmal. An einer Stelle kann man mit einem kleinen Sprung von einer Seite auf die andere wechseln. Notwendig ist das nicht.
Die Kombination eignet sich für Kletternde, die im Grad 6a sicher unterwegs sind und eine kurze Mehrseillängentour mit Gipfel, Aussicht und etwas alpinem Ambiente suchen. Der obere Teil ist technisch leichter, verlangt wegen des Geländes und des Abstiegs aber weiterhin Konzentration.

Gourmandise
Schwierigkeit: 6c
Seillängen: 3
Einzelne Schwierigkeiten: 6c, 6b, 6a
Obligatorische Schwierigkeit: ungefähr 5c
Charakter: steile, kompakte und sehr gut abgesicherte Kletterei in der Nordwand
Die zweite Gruppe entschied sich für die Gourmandise. Mit 6c, 6b und 6a ist sie deutlich anspruchsvoller als die Kombination nebenan. Dank der sehr guten Absicherung lassen sich die schwierigsten Stellen notfalls technisch entschärfen. Ein Niveau von ungefähr 5c sollte jedoch sicher beherrscht werden.
Der Fels ist kompakt, rau und von jener Qualität, für die man in die Gastlosen kommt. Obwohl die Route nur drei Seillängen hat, vermittelt sie ein erstaunlich grosses Wandgefühl. Der schattige Einstieg, die steile Flanke und der freie Blick unter die Füsse sorgen für richtiges Nordwandambiente.
Die Gourmandise ist die passendere Wahl für eine Seilschaft, die kurze, intensive und sportliche Mehrseillängenkletterei sucht. Sie verlangt mehr Kraft und eine höhere technische Reserve, ist aber wesentlich besser abgesichert, als es die alpine Umgebung zunächst vermuten lässt.
Abstieg vor dem Sturm
Während wir kletterten, blieb das Wetter ständig präsent. Die Wolken entwickelten sich schneller und machten klar, dass wir nicht beliebig viel Zeit hatten.
Nach dem Ausstieg begannen wir mit dem Abseilen über die Arête classique. Viel Reserve blieb uns nicht. Unterhalb des Grates führte die Abseilfahrt spektakulär durch die steile Flanke. Neben uns lagen deutlich schwierigere Routen in kompaktem Fels. In einigen davon hingen Fixexpressen. Die Wand sah so gut aus, dass wir bereits beim Abseilen über einen nächsten Besuch nachdachten.
Wir erreichten den Wandfuss und machten uns auf den Rückweg. Der letzte hat sich bereits im Regen abgeseilt und darauf schlug das Wetter endgültig um.

Kurze Tourenübersicht
Gebiet: Gastlosen, Kanton Fribourg
Ziel: Eggturm
Ausgangspunkt der Kletterrouten: Oberbergpass, 1824 m
Übernachtung: Chalet du Soldat, 1752 m
Zustieg am Freitag: ungefähr 60 Minuten ab Chli Sattel
Route 1: Tom Williams mit Arête classique, 6a, fünf Seillängen
Route 2: Gourmandise, 6c, drei Seillängen, ungefähr 5c obligatorisch
Abstieg: Abseilen über die Arête classique und Rückweg durch die Flanke
Charakter: nordseitige Mehrseillängenkletterei in kompaktem Kalk
Wichtig: Aktuelles Topo, Wetter, Zustand der Abseilstellen und benötigte Seillängen vor der Tour separat prüfen.
Was von diesem kurzen Trip bleibt, ist nicht nur die Kletterei. Es ist der gemeinsame Zustieg mit schweren Rucksäcken, der Abend auf der Terrasse, das frühe Aufbrechen, das Vertrauen innerhalb der Seilschaften und die Entscheidung, wegen des Wetters keine Zeit zu verlieren.
Acht Freunde, zwei Routen, sehr viel "dumms Gschnurr" und "en Poli Lacher" und eine gemeinsame Rückkehr zum Wandfuss. Viel mehr braucht ein guter Bergtag nicht.