YUME – Zwischen Traum und Realität: Das Interview mit Produzent Toby Ryter

YUME – Zwischen Traum und Realität: Das Interview mit Produzent Toby Ryter

Die Schweizer Alpen sind unser Zuhause. Hier sind wir verwurzelt, hier hat alles angefangen. Und doch führt uns die Liebe zu den Bergen immer wieder hinaus in die Welt. Dorthin, wo Schnee anders fällt, wo das Unbekannte ruft, wo neue Geschichten warten.

Mit YUME hat sich eine kleine Crew aus den Schweizer Alpen aufgemacht nach Hokkaido. Mit dabei: Skifahrer Pluto Maudsley, Fotograf Benoît Grandjean und Produzent Toby Ryter. Was als klassische Powder-Mission begann, wurde schnell zu etwas ganz anderem. Eine Verletzung veränderte alles. 

YUME ist eine traumartige Reise durch die verschneiten Berge Japans, inspiriert von der Legende von Baku-san, dem Wesen, das schlechte Träume frisst. Der Film verschwimmt zwischen realen Momenten und surrealen Bildern und erzählt, wie Träume unser Fühlen, Bewegen und Gestalten beeinflussen können.

Im Interview erzählt Produzent Toby Ryter, wie es ist, wenn ein Traum bricht – und daraus etwas Tieferes entsteht.

 

Ihr seid nach Hokkaido geflogen auf der Suche nach dem perfekten Snow-Dream. Zehn Tage später sprichst du von Unbehagen in eurem Beschriebzum Film. Was ist konkret passiert? 

Wir sind mit einem grossen Traum nach Hokkaido geflogen. Japan war schon lange ein Wunsch von uns und mit dem Projektnamen YUME, was auf Japanisch Traum bedeutet, hat einfach vieles gepasst. Ende Januar sind wir angekommen, Pluto als Skifahrer, Ben als Fotograf und ich als Filmemacher. Es war einer der schneereichsten Winter seit Jahrzehnten. Die ersten vier Tage haben wir komplett durchgezogen. Lange Tage draussen, filmen, fotografieren und im Camper schlafen. Am fünften Tag waren wir das einzige Mal in einem Skigebiet und genau dort hat sich alles verändert. Pluto ist gestürzt und frontal in einen Baum gefahren. Er hat sich den Oberschenkelknochen gebrochen und musste für zwei Wochen ins Spital nach Kutchan. Ab da lief nichts mehr nach Plan. Der ursprüngliche Film war damit eigentlich vorbei. Am Ende ist YUME fast komplett in fünf Tagen in Japan entstanden und wurde Monate später an einem langen Sommertag in Gstaad fertig erzählt. Statt dem perfekten Snow Dream hinterherzulaufen, hat sich der Film in eine andere Richtung bewegt. Weg von der klassischen Ski Story, hin zu etwas Traumhafterem. Mehr Gefühl, mehr Atmosphäre. Genau aus diesem Schwebezustand ist der Film entstanden.

 

YUME Crew HAE
Pluto, Toby und Ben (v.l.)

Ihr hattet somit extrem viel Druck. Was hat diese Verletzung auf der anderen Seite kreativ freigesetzt? Wo wäre der Film sonst anders geworden?

Es ist lustig, dass du das fragst, denn gleich bei unserer Ankunft in Japan hat Ben uns von der Legende von Baku san erzählt, dem Wesen, das Albträume frisst. Damals haben wir die Idee ziemlich schnell wieder verworfen. Wir waren voll auf Ski, Lines und Schnee fokussiert, hatten aber trotzdem schon das Gefühl, dass wir mit einem Traum spielen wollen. Nach Plutos Unfall hat sich der Fokus dann komplett verschoben. Der Druck und die Situation haben Raum geschaffen, tiefer in das Japanische einzutauchen. Plötzlich hatte die Geschichte Zeit, sich zu entfalten. Die Idee von Baku san kam zurück, nicht als Konzept, sondern eher als Gefühl, das über dem Film schwebt. Ohne den Unfall hätten wir sicher auch mit einem Traum gearbeitet, aber der Film wäre viel universeller geblieben. Es hätte die japanische Ebene gefehlt. Die Sprache, die Atmosphäre und vor allem das japanische Voice Over, das dem Film für mich erst diese Authentizität und Besonderheit gegeben hat. Genau diese Einflüsse haben YUME am Ende zu dem gemacht, was er ist. 

 

YUME Japan HAE

 

Die Legende vom Baku-san ist mehr als ein erzählerisches Stilmittel. Welche eigene Angst oder welches innere Thema habt ihr bewusst oder unbewusst in diese Figur projiziert?

Die Geschichte von Baku san hat für uns einfach extrem gut gepasst. Er frisst Albträume und lässt einen mit schönen Träumen zurück. Wenn man ihn aber zu oft ruft, frisst er irgendwann auch Erinnerungen und zukünftige Träume. Genau dieser Zwiespalt hat uns fasziniert. Unsere Interpretation davon ist ziemlich klar. Wenn man Dinge zu sehr pusht und immer wieder knapp davonkommt, hat das irgendwann Konsequenzen. Nicht als Strafe, sondern einfach als Teil des Ganzen. Ich würde nicht sagen, dass wir in Japan bewusst zu weit gegangen sind, aber Skifahren ist nun mal gefährlich und Verletzungen gehören dazu. In dem Sinn steckt in Baku san auch unsere eigene Auseinandersetzung mit Risiko, Kontrolle und Loslassen. Die Erinnerung daran, dass man nicht alles erzwingen kann, egal wie sehr man einen Traum verfolgt.

 

 

Die Off-Voice ist unglaublich gut. Ist es AI oder wer hats gesprochen?

Am Anfang war das komplette Voice Over auf Englisch und mit einer AI Stimme. Auf dem Papier hat das funktioniert, im Film aber überhaupt nicht. Es hat sich zu sauber und irgendwie falsch angefühlt. Während wir in Japan waren, haben wir uns mit dem Fotografen Yasukuki und seiner Frau Ran auf einen Kaffee getroffen. Ich habe Ran gefragt, woher sie kommt und sie erzählte mir, dass sie in Deutschland aufgewachsen ist und als Sound Designerin arbeitet. Diese Begegnung ist mir geblieben. Erst im Sommer, als wir weiter am Film gearbeitet haben, kam mir diese Szene wieder in den Sinn. Da hatte ich die Idee, Yasukuki zu fragen, ob er sich vorstellen könnte, das Voice Over auf Japanisch einzusprechen. Eine Woche später hat er mir die Aufnahme geschickt und er hat es komplett getroffen. Wir waren extrem happy. Erst damit hat sich der Film für uns wirklich stimmig und authentisch angefühlt.

 

YUME HAE Japan

 

Viele in unserer Community vergleichen Japan und die Schweizer Alpen über den Schnee. Mich interessiert etwas anderes: Wo unterscheidet sich der Umgang mit Risiko, Unfällen und Kontrolle fundamental? 

Vom Terrain her haben wir uns in Japan zuerst ziemlich wohl gefühlt. Die Faces sind kleiner und man fährt viel im Wald, was schnell ein Gefühl von Kontrolle gibt. Gleichzeitig haben wir gelernt, dass Bäume dort extrem hart sind und Fehler sehr direkte Konsequenzen haben können. Wir wussten, dass Search and Rescue in Japan länger dauern kann und dass die Sprachbarriere eine Rolle spielt. Als es dann ernst wurde, hat sich genau das bestätigt. Die Kommunikation war schwierig und es hat lange gedauert, bis Hilfe da war. Am Ende kam zuerst ein einzelner Ski Patroller, der die Situation eingeschätzt hat, bevor das restliche Team nachgezogen wurde. Was uns besonders geblieben ist, war die Bergung selbst. Es gab keine Schmerzmittel und Pluto musste in einer Rettungsschale durch tiefen Powder und steiles Gelände runter. In diesem Moment wurde uns klar, wie unterschiedlich der Umgang mit Risiko, Kontrolle und Notfällen sein kann. Nicht besser oder schlechter, einfach anders.

YUME ist kein „schneller, lauter Pow-Film“. Weniger Lines, weniger Hero-Momente, viel mehr Stimmung und unglaubliches Story-Telling. War das eine bewusste Gegenposition zu klassischen Ski-Filmen und von Anfang an so geplant oder schlicht die ehrlichste Form für diesen Trip? 

Genau, das war ziemlich bewusst. YUME ist unser zweiter Kurzfilm und wir haben von Anfang an gesagt, dass wir etwas anderes machen wollen. Viele grössere Ski Filme folgen einer ähnlichen Formel. Storm chasen, grosse Lines fahren, immer höher, immer schneller. Das ist beeindruckend, aber für viele Leute auch schwer greifbar, weil man das Skill Level dahinter kaum einschätzen kann. Uns war wichtig, einen Film zu machen, den auch Menschen ausserhalb der reinen Ski Bubble anschauen können und bei dem man trotzdem dranbleiben will. Weniger über Hero Momente, mehr über Stimmung, Rhythmus und Gefühl. Deshalb ist der Film etwas ruhiger und künstlerischer geworden, mit weniger Skifahren und mehr Raum für Interpretation. Es war also nicht einfach nur das Ergebnis der Umstände, sondern die ehrlichste Form für diesen Trip und für das, was wir als Team erzählen wollten. Ich wollte etwas schaffen, das Tiefe hat und etwas auslöst, auch nach dem Abspann.

 

YUME Swiss Crew in Japan

 

Hand aufs Herz: Gab es einen Moment, in dem ihr dachtet „Warum zum Teufel machen wir hier eigentlich einen Film, statt einfach Ski zu fahren“?

Haha ja, diesen Moment gibt es eigentlich bei jedem Dreh mindestens einmal. Und nach dem Unfall ganz besonders. Da fällt die Motivation kurz ab und man fragt sich schon, warum man sich das alles antut, statt einfach Ski zu fahren und den Moment zu geniessen. Gleichzeitig wissen wir aber auch, warum wir da sind. Wenn wir drehen, versuchen wir so viele gute Momente wie möglich zu sammeln und den Fokus nicht zu verlieren. Nach dem Unfall haben Ben und ich uns einen Tag Pause gegönnt, um kurz runterzukommen und sind dann wieder zurück ans Filmen. Ganz am Ende der Reise haben wir uns dann bewusst noch einen Tag genommen, um einfach im Skigebiet Ski zu fahren. Ohne Kamera, nur zum Spass. Und spätestens wenn der Film fertig ist und man sieht, wie viele Leute sich darüber freuen, weiss man wieder, dass sich der ganze Aufwand gelohnt hat. Zum Schluss noch ein grosses Danke an das HAE Team. Eure Neck- und Headwear waren die ganze Reise im Dauereinsatz und haben unsere Köpfe und Nacken warm gehalten. Ohne euch wären wir ziemlich sicher eingefroren. ;) Danke für den Support. <3

Ja hei nichts zu danken! Danke für euren Support und nochmals Gratulation zu diesem Meisterstück!

YUME The Movie Crew
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